Gleichberechtigung: „Es gibt noch viel zu tun“

Unter dem Titel „100 Jahre Frauenwahlrecht – 100 Jahre Frauenpower“ wurde mit einer sehr gut besuchten Veranstaltung das Jubiläum gefeiert. Historikerin Claudia Stehle und Zwingenberger Kommunalpolitikerinnen beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven

Der Bergsträsser Anzeiger berichtet 14. November:

 

ZWINGENBERG. Neuseeland und Australien waren die ersten Länder, die 1893 beziehungsweise 1894 das Frauenwahlrecht einführten – allerdings galt dieses ausschließlich für Weiße. In Europa haben bereits ab dem Ende des 18. Jahrhunderts Frauenrechtlerinnen aus dem bürgerlichen und proletarischen Umfeld wie Olymp de Gouges, Hedwig Dohm aus Darmstadt, Louise Otto Peters, Anita Augspurg, Ottilie Baader, die Gewerkschaftlerin Pauline Staegemann und viele andere mit großem Einsatz für die Rechte der Frau und Bürgerin gekämpft.

Am 12. November 1918 schließlich wurde das aktive und passive Frauenrecht in Deutschland gesetzlich verankert. In die Weimarer Verfassung wurde im Artikel 109, Absatz 2, die Formulierung „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ aufgenommen. Frankreich und Italien folgten erst Mitte der 1940er Jahre, Lichtenstein sogar erst 1984. Saudi Arabien schließlich hat sich 2015 dazu durchgerungen, Frauen den Gang an die Wahlurne zu ermöglichen.

An „100 Jahre Frauenwahlrecht – 100 Jahre Frauenpower“ erinnerte am Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland eine Veranstaltung, in der Kommunalpolitikerinnen aller im Zwingenberger Parlament vertretenen Parteien auf unterschiedliche Weise Stellung bezogen und sowohl historische Fakten als auch persönliche Sichtweisen vortrugen.

Improvisationen auf der Flöte

Dass „die Hütte richtig voll“ war und die Bestuhlung bei weitem dem Ansturm an Besuchern zunächst nicht standhielt, freute das Organisationsteam mit der Künstlerin und kommissarischen Vorsitzenden des Förderkreises Kunst und Kultur Ulrike Fried-Heufel, Stadtverordnetenvorsteherin Birgit Heitland als Vertreterin der Stadt, Historikerin Claudia Stehle und Hildrun Wunsch. Die Blockflötistin verlieh dem Jubiläumsakt in der Remise eine besondere Note, in dem sie einzelne Beiträge musikalisch frei interpretierte. Dafür gab es viel Beifall.

Alle Rednerinnen, so unterschiedlich ihre Beiträge auch waren, waren sich darin einig, dass es auch heute mit der Gleichstellung der Frau in vielen Bereichen noch immer nicht zum Besten bestellt ist. „Es gibt noch viel zu tun. Wir bleiben am Ball“, machte Regina Nethe-Jaenchen (SPD) anhand von Beispielen unmissverständlich deutlich, dass von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau keine Rede ist – auch wenn sich in den zurückliegenden 100 Jahren einiges zum Besseren gewendet habe.

Heute erscheine es unvorstellbar, dass das Gleichberechtigungsgesetz erst 1958 in Kraft trat, Frauen in Deutschland bis 1969 als nicht geschäftsfähig galten und die Ehefrau erst ab 1977 ohne Zustimmung ihres Ehemannes einer außerhäuslichen Tätigkeit nachgehen durfte. Tatsache sei auch, so Nethe-Jaenchen weiter, dass aktuell nur 30,9 Prozent der Mitglieder des Bundestags Frauen sind und es so gut wie keine Abteilungsleiterinnen in den Ministerien gibt. Ausführlich ging die SPD-Fraktionsvorsitzende auf die Anfänge der Frauenbewegung und den beschwerlichen Kampf gegen die männliche Vorherrschaft in Europa ein. Die SPD sei die erste Partei in Deutschland gewesen, die schon 1891 die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht für alle Bürger in ihrem Programm aufgenommen habe. So habe sich August Bebel früh für die Rechte der Frau eingesetzt, sie in ihrem Widerstand unterstützt und sich gegen die damals weit verbreitete Meinung, dass „zuviel Nachdenken eine negative Wirkung auf die weibliche Schönheit hat“ gestemmt.

Wahlrecht kein Geschenk

Die Situation der englischen Frauen und deren Kampf um Gleichberechtigung beleuchtete die Anglistin und Journalistin Claudia Stehle. „Frauen, Vorbestrafte und Geisteskranke“ seien lange vom Wahlrecht ausgeschlossen gewesen. Erst der Erste Weltkrieg habe Auswirkungen auf die Frauenbewegung gehabt.

Der Wert der Frau für die Gesellschaft habe sich nachhaltig verändert, da viele Frauen in Männerberufen tätig gewesen waren und schwere körperliche Arbeit geleistet haben. Dass es lange Zeit durchaus üblich war, dass Frauen „die Partei wählen, die der Ehemann wählt“, machte Erste Stadträtin Karin Rettig (FDP) an einer persönlichen Begebenheit deutlich. „Das Frauenwahlrecht ist kein Geschenk, sondern eine Reaktion auf die Forderung von Frauen“, stellte Evelyn Berg von der GUD im Anschluss klar. Bis heute gebe es viele Männerdomänen, in denen Frauen benachteiligt würden.

„Gesetze schaffen noch keine Lebensrealitäten“, richtete Cora Bügenburg (CDU) den Blick auf die berufstätige Frau und Mutter, die ohne familiäres Netzwerk keine Karriere machen kann. Auch Ingrid Germann (CDU) setzte sich für eine Fortsetzung des Kampfes um Gleichberechtigung ein. Julia Raab schließlich, Stellvertretende Vorsitzende der Frauenunion und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Rodau, lenkte den Blick über den Tellerrand hinaus. Dass 53 Prozent Frauen Donald Trump zum Präsident gewählt haben, sei ebenso unvorstellbar wie die Wahl des neuen brasilianischen Präsidenten, der Männern und Frauen nicht das gleiche Gehalt zahlen will: „Dagegen ist Trump Dreck.“

Lacher und Applaus erntete die Nachwuchspolitikerin für folgende Negativbeispiele: Ein rosafarbener Einwegrasierer kostet dreimal so viel wie ein blauer für den männlichen Bartwuchs. Und Monatshygieneartikel für Frauen werden mit dem höchsten Satz von 19 Prozent besteuert. Ist das gerecht?